Im Idealfall bringt eine Kuh oder ein Rind ihr Kalb leicht alleine zur Welt. Wer rund um die Geburt immer gleich vorgeht und auch seine Familie und die Angestellten informiert, stellt sicher, dass nichts vergessen geht, wenn es zu hektischen Situationen kommt.

Grundsätzlich gilt: Wer unsicher ist, soll lieber zu früh als zu spät den Tierarzt oder die Tierärztin anrufen. Denn je nach Geburtsverlauf und Zustand von Mutter und Kalb drängt die Zeit.

Wichtig ist auch, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu kennen. Ein Landwirt muss einschätzen können, ob er eine Lage-, Stellungs- oder Haltungskorrektur am Kalb ohne ein Risiko für Kuh und Kalb vornehmen kann.

Auf jeden Fall braucht es tierärztliche Hilfe, wenn die Geburt länger als eine Stunde stockt, das Muttertier verletzt ist oder Wehenschwäche zeigt.

1. Vorbereitungsphase (zwei bis drei Wochen)

Diese Signale zeigen an, dass die Geburt bevorsteht:

  • Aufeutern: Das honigähnliche Sekret wird zur Biestmilch.
  • Die Beckenbänder fallen ein.
  • Die Schwanzspitze wird weich: Die Geburt steht in den nächsten 24 Stunden bevor.
  • Der Leibesumfang verändert sich von kugel- zu birnenförmig.
  • Die Kuh braucht die Bürste häufiger.

Zwei bis drei Tage vor der erwarteten Geburt wird die Kuh in eine sauber eingestreute Abkalbe-Box gebracht. Darin hat die Kuh im Idealfall Sichtkontakt zur Herde. Das deckt sowohl die hygienischen wie auch die sozialen Bedürfnisse vor der Geburt optimal ab.

Wichtig: Die Kuh soll sich wohlfühlen und darf keinem unnötigen Stress ausgesetzt sein.

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2. Öffnungsphase (6 bis 16 Stunden)

Diese Signale zeigen die Öffnungsphase an:

• Die Kuh separiert sich auf der Weide von der Herde.

• Der innere Muttermund öffnet sich.

• Die Fruchtblasen (Wasser- und Schleimblasen) treten in den Gebärmutterhals ein. Dieser wird durch die Fruchtblasen schonend gedehnt. Deshalb darf die Blase, welche erscheint, nicht aufgerissen werden!

• Platzt die Schleimblase, ist die Öffnungsphase abgeschlossen.

Die Kuh hat erste, leichte Wehen. Sie kann unruhig sein und hin und her trippeln. Jetzt braucht die Kuh Ruhe. Es braucht vor dem Blasensprung keine aktive Geburtshilfe!

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3. Aufweitungsphase (1 bis 6 Stunden)

In dieser Phase platzt die Fruchtblase.

  • Das Tier legt sich hin, die Beine des Kalbes erscheinen in der Scham.
  • Der Druck auf die Geburtswege löst Presswehen aus.
  • Vom Blasensprung bis zum Durchtreten des Kopfes kann es bei einem Rind 1 bis 3 Stunden dauern, ohne dass es ein Eingreifen braucht.
  • Bei einer Kuh dauert es rund 1 Stunde.

Verstreicht diese Zeit, ohne dass die Geburt vorangeht, ist eine vaginale Untersuchung angebracht.

Dabei gilt:

  • Saubere Kleidung, den Schwanz der Kuh nach vorne binden oder halten lassen, die Scham der Kuh gut waschen, Hände und Arme bis zu den Schultern waschen, Gleitgel benutzen.

Kontrolle

  • Der Muttermund muss für eine erfolgreiche Geburt vollständig verstrichen sein (keine Falten fühlbar).
  • Gibt es Platz genug für eine normale Geburt?
  • Lebt das Kalb?
  • Lage: Lassen sich Vorder- oder Hinterbeine bzw. Kopf oder Schwanz ertasten?
  • Stellung: Liegt der Rücken des Kalbes zum Rücken der Mutter oben oder unten gegen die Bauchdecke? Liegt er unten, muss das Kalb für die Geburt gedreht werden.

Ist alles normal und liegt ein Kalb in Vorderendlage oder in Hinterendlage, kann abgewartet werden.

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4. Austreibungsphase (3 bis 15 Minuten)

  • Ist der Kopf sichtbar, dauert die Geburt normalerweise noch 3 bis 15 Minuten.
  • Ein unnötiges Eingreifen in dieser Phase stresst das Tier.
  • Zudem ist die Gefahr gross, dass Keime in die Gebärmutter gelangen, was oft eine Gebärmutterentzündung zur Folge hat.
  • Wer selber Geburtshilfe leistet, braucht saubere Hilfsmittel (gewaschene Kette, ausgekochte Seile).
  • Gezogen wird parallel zur Wirbelsäule bis zum Austritt des Schultergürtels vom Kalb, und zwar immer mit versetzter Zugrichtung an den Gliedmassen. Damit verschmälert der Geburtshelfer den Schulter- bzw. Beckengürtel des Kalbs. Es gibt mehr Platz für den Durchtritt im Becken der Kuh.
  • Danach zieht man für den Beckenaustritt des Kalbs dieses in Richtung Euter der Kuh.

5. Nachgeburtsphase (6 bis 8 Stunden)

Nach einer erfolgreichen Geburt gilt: Zuerst das Kalb, dann die Kuh.

Massnahmen beim Kalb

  • Darf die Mutter ihr Kalb ablecken, stimuliert das dessen Lebensgeister. Das ist die beste und einfachste Methode.
  • Kräftige Strohmassage, um den Schleim aus den Atemwegen auszustreichen.
  • Wasserguss, um die Atmung zu stimulieren.
  • Atmung in Gang bringen durch Kneifen in die Nasenscheidewand oder schlimmstenfalls durch Mund-Nasen-Beatmung.
  • Im Notfall verabreichen die Tierärzte Medikamente zur Atemstimulation oder machen einen Einlauf, der eine Übersäuerung des Bluts durch den Sauerstoffmangel reduziert.
  • Sehr wichtig ist die Versorgung mit Kolostrum.

Massnahmen bei der Kuh

  • Kontrolle des gewaschenen Genitalbereichs auf Geburtsverletzungen.
  • Sicherstellen, dass sich kein zweites Kalb in der Gebärmutter befindet.
  • Die Kuh bekommt nach der erfolgreichen Geburt einen Kübel laufwarmen Wassers. Das stillt ihren Durst und vergrössert das vor der Geburt verkleinerte Pansenvolumen. Das steigert ihr Fressvermögen.
  • Mag die Kuh nicht trinken, ist das ein Alarmzeichen, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung sein könnte.
  • In diesem Fall: Die Kuh besonders gut im Auge behalten und die Körpertemperatur durch regel-mässiges Fiebermessen kontrollieren.

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Quellen

- Vorlesungsunterlagen «Die Geburt beim Rind», Dr. Samuel Kohler, HAFL
- Swissgenetics: www.die-fruchtbare-kuh.ch
- Böhringer Ingelheim: 
www.dgrn.ch/geburtshilfe